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In Heinrich Kaminskis Kompositionen spiegelt sich die Entwicklungslage der Musik zwischen den beiden Weltkriegen. Er ist Bach und den vorbachschen Meistern ebenso verpflichtet wie den gedanklichen Anregungen des Expressionismus, sein künstlerisches Weltgefühl wurzelt in echter Romantik und baut zugleich Brücken in die Zukunft. Eine Eingliederung in eine Epoche dürfte vergeblich sein. In seinem 130. Psalm prallen auch solche stilistischen Unterschiede aufeinander. So ist der erste Teil sehr deklamatorisch, ausdrucksstark durch schwierige Intervalle und teils unerwartete Klänge. Die flehentliche Bitte um Erhörung wird rufend deutlich gemacht. Demgegenüber tritt das „geduldige Warten und Hoffen auf sein Wort“ in einer höchst romantischen, dahin fließenden Melodie des Solo-Soprans, die durch den rhythmisch gleichmäßig und homophonen Klangteppich des Chores begleitet wird. Der dritte Teil wird eher durch rhythmische Verschobenheit, Synkopen und deutliche Sprache gestaltet.
Als Heinrich
Schütz 1585 geboren wurde, lebten die Menschen in dem
Bewusstsein, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstünde.
Viele Prophezeiungen des Weltuntergangs aufgrund von klimatischen
Veränderungen, der Bevölkerungsgeschichte und verschärfenden
wirtschaftlichen Verhältnissen und der 1618 beginnende „Dreißigjährige
Krieg“ verdeutlichen die apokalyptische Weltsicht. Das Sterben
wurde somit ein Wendepunkt, der den Übergang vom irdischen Leben
zur jenseitigen Ebene markiert. Der gläubige Mensch jener sonst
durchaus sinnenfrohen Zeit bereitete sich planmäßig auf
sein Ableben vor. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
setzte sich das Verfassen von Sterbebüchern als Anleitung zu
christlichem Leben und seligem Sterben durch. Dieser Typus hatte seinen
Ursprung in Martin Luthers „Sermon von der Bereitung zum Sterben“
von 1519. Zur Vorbereitung auf das „vorbildhafte Sterben“
veranlasste Fürst Heinrich Posthumus von Reußen die Gravur
einer Ansammlung von Bibeltexten und Kirchenliedversen auf seinem
Sarg. Er beauftragte Heinrich Schütz diese Texte zu vertonen
und auf seiner eigenen Trauerfeier zu musizieren. Im ersten Teil der
daraus entstandenen Musikalischen Exequien (ex-equien
= hinaus geleiten, also für das Geleit des Toten auf seinem letzten
Weg zur Ruhestätte) sind die auf dem Sarg angeordneten Sprüche
der heiligen Schrift in der Form einer Missa (Kyrie und Gloria) vertont.
Dabei wechseln sich solistische und chorische Passagen ab. Die Kirchenmusik
zur Trauerfeier gliedert sich in einen Liturgie- und einen Predigt-Teil,
denn der zweite Satz, die doppelchörige Motette „Herr,
wenn ich nur dich habe“ beinhaltet den Predigttext der Trauerfeier.
Hier sind die musikalischen Erfahrungen mit der Mehrchörigkeit
aus Schütz’ Zeit am Markusdom in Venedig belegt. Den besonders
tröstlichen Charakter des Werkes schafft der dritte Satz, der
Lobgesang des Simeon. In ihm verdeutlicht sich die venezianische Praxis
(mehrere Chöre verteilt auf verschiedene Emporen des Kirchraumes)
noch mehr. Durch den Chor der Engel, Heiligen und Seligen wird das
diesseitige Leben mit dem jenseitigen verknüpft. Hier hinein
gearbeitet ist die Stimme zweier Seraphim und die der Seele des Verstorbenen,
die „in die Ferne geordnet“ sind. Die vermutlich verwendete
Vorstellung des Schrittes zum ewigen Leben findet sich in Lukas 16,22:
„Es begab sich aber, dass der Arme (Lazarus) starb und ward
getragen von den Engeln in Abrahams Schoß.“
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